Mit dem Velo auf die Konzertbühne

Habitué:es, allen voran die Abonnent:innen der Basel Sinfonietta, wissen es: Das Orchester sprengt nicht erst seit gestern klassische Musik- und Konzertkonventionen. 1980 gegründet, ist und bleibt «die Sinfonietta» getragen vom Anspruch, Musik am Puls der Zeit zu realisieren. Seit 2025 tut sie das unter dem Präsidium von Fran Lorkovic. Principal Conductor Titus Engel steht in seiner vierten Saison. Fiona Stevens ist seit Sommer 2025 neue Geschäftsführerin. Zeit für eine Tour d’Horizon. 

Der Ruf der Basel Sinfonietta als wegweisendes sinfonisch besetztes Orchester für zeitgenössische Musik ist ausgezeichnet. Das 50-Jahre-Jubiläum noch ein paar Jahre entfernt. Da kann man es sich gemütlich machen, oder? 

Fran Lorkovic (FL): Klar! Es reicht! 46 Jahre Ungemütlichkeit sind genug! Aber im Ernst: Gemütlichkeit ist zwar schön, aber alles zu seiner Zeit. Man verändert die Musikwelt nicht mal eben gemütlich ein bisschen. Sollte es dem

einen oder anderen Menschen in einem unserer Konzerte trotzdem gemütlich sein, es sei ihm verziehen.

Titus Engel (TE): Einverstanden. Am Puls der Zeit bleibt nur, wer offen für Neues ist. Genau das schätze ich an unserem Orchester so: Die Musiker:innen sind in jeder Probe und in jedem Konzert bereit, das Neue zu wagen und mit grossem persönlichen Engagement an ihre Grenzen zu gehen. Das ist einmalig.

Fiona Stevens (FS): Abgesehen davon verhindert die Planung für unsere Jubiläums-Spielzeiten 2029–2031, dass es zu gemütlich wird. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren; wir planen wie schon zum 40. Geburtstag eine Publikation und es stehen grosse Kooperationen an, unter anderem mit spannenden Events in Basel. Natürlich wahren wir darüber erstmal noch Stillschweigen (lacht).

Schauen wir uns also die aktuelle Saison genauer an. Was darf das Publikum erwarten? 

TE: Wir starten mit der furiosen Solistin Vivi Vassileva mit Tan Duns leider sehr aktuellem Stück «The Tears of Nature». Dann geht für mich ein Traum in Erfüllung: Die Aufführung von «Éclairs sur l’au-delà…» von Olivier Messiaen, einem meiner Lieblingskomponisten. Es handelt sich dabei um ein riesig besetztes, sehr spirituelles Werk. Besonders freue ich mich auch auf das spezielle Programm im Pantheon; es beschäftigt sich mit dem Auto und anderen Verkehrsmitteln. Das Publikum ist aufgefordert, mit dem Velo zu kommen, denn als Opener werde ich mit ihm «Eine Brise» von Maurizio Kagel aufführen.

FS: Auch ich freue mich riesig auf die Zusammenarbeit mit Vivi Vassileva. Sie gehört zu den aufregendsten Ausnahmetalenten am Schlagzeug, scheut sich nicht davor, auch mal auf alten Plastikflaschen Musik zu machen. Ich erwarte einen elektrisierenden Auftritt.

FL: Gutes Stichwort, Erwartung. Wir wissen, unser Publikum wäre enttäuscht, würden wir nicht Hörerlebnisse bieten, die jenseits der Kategorie «getestet und als verwendbar im Kanon zu erhaltender und pflegender Werke abgelegt» liegen. Auch diese Saison werden wir gemeinsam mit den Menschen im Publikum die Frage des Gelingens oder Scheiterns erörtern und bestenfalls beantworten. Ohne Frage bemühen wir uns, in der Auswahl der angebotenen Werke das Gelingen zu begünstigen, aber das Risiko des Scheiterns liegt in der Natur des Ausprobierens von Neuem und ist, wie wir denken, Teil dessen, was unser Publikum an unserem Konzept interessiert und anspricht.

Abgesehen von dieser Haltung: Wo experimentiert ihr? Wo geht ihr Risiken ein?

TE: Wir experimentieren vor allem bei den Uraufführungen. Besonders freue

ich mich auf die neuen Stücke von Ezko Kikoutchi, Jannik Giger, Gemma Ragués Pujol und Thomas Nidecker, alles Komponist:innen, die ich sehr schätze. Was genau sie schreiben, ist für mich bei Redaktionsschluss aber noch genauso ein Geheimnis wie für das Publikum. Messiaen und Berg sind Komponisten, die ich wichtig finde, um den Orchesterklang weiter zu verfeinern und etwas sehr Besonderes ist unser Konzertprogramm für Video und

Orchester, unter anderem mit einem Video von Bill Viola.

FS: Das Auftragswerk von Gemma Ragués Pujol ist ein Experiment, auf das ich mich ebenfalls besonders freue. Gemma setzt sich intensiv mit den Klangmöglichkeiten im Museum auseinander und ich bin gespannt, welche Rolle die dort ausgestellten Autos spielen. Dass der Auftakt des Konzertes von unseren Zuhörer:innen selber gestaltet werden soll — mit Kagels Stück für 111 Velos — finde ich sehr lustig und hoffe, unsere Zuhörer:innen machen zahlreich mit.

Wie ein roter Faden ziehen sich fünf Programmlinien durch das Programm. Das Engagement der Sinfonietta endet aber nicht am Bühnenrand?

FS: Keinesfalls. Gerade haben wir eine Kooperation mit der Music Biennale Zagreb lanciert, wo es neben der Musik auch um Know-how-Transfer geht. Bei unserer für Kinder bis drei Jahre konzipierten Konzertreihe «Die Klangfüchse» arbeiten wir aktuell an einer Erweiterung des Formats, um Kinder und Erwachsene generationsübergreifend ansprechen zu können. Jenseits der Musik engagieren wir uns im kulturpolitischen Raum mit Stellungnahmen zu aktuellen Themen, die Basel und die Schweiz bewegen, zum Beispiel im Netzwerk Kulturpolitik, bei dem ich seit Januar 2026 Co-Präsidentin bin.

FL: Ein aussermusikalisches Signal sendet auch unsere basisdemokratische Organisationsstruktur. Die Herausforderungen von Demokratien sind ja derzeit allgegenwärtig und vieldiskutiert. Bei uns steht das Demokratische ausser Frage, es ist ein Teil unserer Identität und macht das Mitwirken von innen, wie auch — wie wir hoffen — die Wahrnehmung von aussen: einzigartig. 

TE: Ebenfalls neu ist unsere Partnerschaft mit dem Ukrainian Institute, in deren Rahmen wir etwa Werke politisch Verfolgter aus der Sowjetunion zur Uraufführung bringen, kombiniert mit aktuellen Werken aus der Ukraine. Ich finde es ganz wichtig, dass Musik sich nicht allein auf l’art pour l’art konzentriert, sondern auch gesellschaftliche und aktuelle Themen aufgreift.

WIR DANKEN UNSEREN HAUPTPARTNERN