
Kritiken > ZWÖLF TÖNE FÜR BACH
Der Schweizer Komponist Hermann Meier hat - unfreiwillig - im Verborgenen ein Oeuvre geschaffen, das seinesgleichen sucht. Nun hat die basel sinfonietta auf Initiative Marc Kilchenmanns zwei von Meiers grossen Orchesterstücken uraufgeführt und für diese Tat enthusiastische Reaktionen erhalten. Die Begegnung mit dem "Stück für grosses Orchester" (1960) und dem "Stück für Orchester für Werner Heisenberg" (1968) in Bern war sensationell. Das Orchesterstück von 1960 hat eine Art grafische Form. Die Konsequenz, mit der Meier das Werk baut, ist für die Zeit um 1960 einzigartig, die Radikalität beeindruckt. Doch bis zum Orchesterstück für Werner Heisenberg, in welchem auch zwei als selbstständige Orchestergruppe eingesetzte Solo-Klaviere verwendet werden (hervorragend: Tamriko Kordzaia und Dominik Blum), ist noch einmal ein enormer Schritt passiert.
Die basel sinfonietta mobilisierte alle Energien. Eine grandiose Musik. Eingebettet in ein symmetrisch aufgebautes, schönes Programm mit Anton Weberns Sinfonie op. 21, den Orchestervariationen op. 30 und Bach-Instrumentationen von Schönberg und Webern.
Neue Zürcher Zeitung
Das muss man sich erst einmal vorstellen: Da hockt einer sein Leben lang als Dorfschullehrer im Schwarzbubenland - und in seiner Freizeit komponiert er eigenwillige Musik, die ihrer Zeit voraus ist. Die Rede ist vom 1906 geborenen Solothurner Hermann Meier, der als Lehrer in Zullwil wirkte und nach seinem Tod im Jahr 2002 über 100 Partituren hinterliess.
Hermann Meiers "Stück für grosses Orchester" von 1960 beginnt spielerisch, mit kurzen Motiven, die immer wieder da und dort im Orchester aufblitzen. Mit dem Einsatz des tiefen Blechs und der Kontrabässe entwickelt sich daraus ein archaischer Tanz, der sich, dunkel grundiert von Pauken und Gongs, zum leidenschaftlichen, aggressiven Ausdruck steigert. Das lässt gelegentlich an Igor Strawinskys "Sacre du Printemps" denken, aber auch an Wolfgang Rihms viel später entstandene "Tutuguri", doch Meiers Tonsprache ist ganz eigenständig, vermag bei aller Konstruktion zu packen. Am Schluss des Konzerts bedankten sich die Musiker mit viel Applaus bei Jürg Henneberger, der sie mit überlegener Umsicht durch die Wechselbäder dieses Programms geführt hatte.
Basellandschaftliche Zeitung
Hermann Meier lebte als Primarlehrer im solothurnischen Zullwil und fabrizierte in seiner Freizeit Partituren von einer Radikalität, die Staunen macht. Zwei von ihnen wurden jetzt von der basel sinfonietta uraufgeführt. Und allein schon der starke Andrang zur Konzerteinführung belegte: Die Zeit für Hermann Meier scheint gekommen. Seine Orchesterstücke sind von blockhafter Wucht und motorischer Energie, irgendwo zwischen Varèse und Penderecki und doch anders als alles andere. Die dazu gespielten Werke von Webern und Bach wirkten als Kontrastfolien, die Meiers Eigenarten in schärferem Licht hervortreten liessen. Faszinierend waren die beiden Zwölftön-Glasperlenspiele von Webern, die in ihrer filigranen Struktur immerwährend modern klangen.
Basler Zeitung